Außen resch, innen flaumig, oben der typische fünfteilige Stern: Die Handsemmel ist ein Stück österreichische Alltagskultur. Beim kunst.fest.währing bekommt sie nun eine Bühne, wie man sie sonst eher aus der Kunstwelt kennt, denn die Ausstellung „Semmelreich“ im Haus 4 der ehemaligen Semmelweisklinik widmet sich der Vielfalt, dem Handwerk und den Menschen hinter diesem besonderen Gebäck.
Zehn Bäckereien aus Wien und Umgebung beteiligen sich an der Handsemmelausstellung, wo jede Semmel ihr eigenes Podest bekommt und damit für einen Moment aus dem Alltag herausgehoben wird. Kuratiert wird „Semmelreich“ von Autorin Heidi Strobl, die seit vielen Jahren Projekte an der Schnittstelle von Kulinarik, Handwerk und Kultur entwickelt. „Es geht dabei nicht um die schönste Semmel, sondern um die Vielfalt und Einzigartigkeit jedes Stücks. So wie in der Kunst“, erklärt Strobl. Und genau darin liegt auch der Reiz des Projekts: Die Handsemmel wird nicht nur als Gebäck betrachtet, sondern als Ausdruck von Erfahrung, Zeitgefühl und handwerklicher Handschrift. Die teilnehmenden Bäckereien sind Geier, DerMann, mel&koffie, Öfferl, Boulangerie Lilla Soul, Schrott, Schwarz, Schwarzbrot, Szihn und Wannenmacher. Als besonderes Extra kommt auch eine Handsemmel der Porzellanmanufaktur Augarten auf ihr eigenes Podest.
Die von Hand geschlagene Kaisersemmel zählt zum österreichischen Kulturgut, wurde aber vielerorts von industrieller Massenware verdrängt. In Wien gibt es laut Bäckerinnung nur noch rund 20 Bäckereien, die täglich Semmeln von Hand schlagen. Was den Unterschied ausmacht, bringt Josef Schrott, Innungsmeister der Bäcker, auf den Punkt: „Der Unterschied ist die Zeit. Mehr Zeit, mehr Geschmack.“ Und tatsächlich steckt in jeder Handsemmel mehr als nur ein Teig. Eine längere, oft kühle Teigführung fördert die Aromaentwicklung und trägt zu einer saftigeren Krume und knusprigeren Kruste bei. Während die Maschinensemmel für kontrollierte Gleichmäßigkeit steht, erzählt jede Handsemmel von einem Gespür für Material, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und den richtigen Moment. Oder, wie Bäckermeister Horst Felzl sagt: „Es steckt einfach der Mensch drinnen.“
Gegessen wird bei „Semmelreich“ natürlich auch. Unter dem Titel „Semmelstreich“ werden die frisch angelieferten Semmeln im Festivalzentrum noch am selben Tag bestrichen und serviert. „Semmelweis“ heißt das Buttersemmerl, „Semmelgrün“ bekommt zusätzlich Schnittlauch, „Semmelgelb“ wird mit Eiaufstrich belegt. Was hinter „Semmelrot“ steckt, bleibt vorerst ein kleines Geheimnis. Aber auch der nachhaltige Umgang mit Lebensmitteln ist Teil des Konzepts. Unter dem Namen „Semmelweich“ werden übrig gebliebene Semmeln am Samstag, 3. Oktober, von 11:00 bis 13:00 Uhr in einer Knödelwerkstatt zu Semmelknödeln verarbeitet. Am Sonntag, 4. Oktober, kommen sie ab 11:00 Uhr beim gemeinsamen Knödelfinale als g’röste Knödel für alle auf den Tisch, solange der Vorrat reicht. Für die Knödelwerkstatt stehen 15 Plätze zur Verfügung. Eine Anmeldung ist per E-Mail an office@kunstfestwaehring.at erforderlich, der Kostenbeitrag beträgt € 5.
Die Ausstellung „Semmelreich“ ist Teil des kunst.fest.währing, das von 30. September bis 4. Oktober 2026 stattfindet. Das Festivalzentrum befindet sich seit einigen Jahren in Haus 4 der ehemaligen Semmelweisklinik, diverse andere Programmpunkte finden an unterschiedlichen Orten in Währing statt. Weitere Informationen dazu gibt es unter kunstfestwaehring.at.